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Leitfaden: Antiandrogen-Wechsel

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Ein Antiandrogen zu wechseln ist kein simples Austauschen von Tabletten. Absetzrhythmus, Auswaschphase und Kontrolltermine nach dem Wechsel bestimmen unmittelbar, wie stabil dein Testosteron (T) unterdrückt bleibt und wie sicher der Übergang verläuft [1] [2] .

Falls du noch gar kein Antiandrogen einnimmst, lies zuerst unseren Grundlagenartikel: Antiandrogene im Überblick. Beachte außerdem: Rund 82,6  % der Anwender:innen mit Estradiol-Injektionen erreichen bei ausreichender Dosierung eine stabile Monotherapie — ein zusätzlicher Testosteronblocker ist dann biologisch nicht nötig.


Folgende klinische Signale deuten darauf hin, dass dein aktuelles Antiandrogen nicht mehr das richtige für dich ist:

  • Leberwerte auffällig: ALT oder AST auf das Zwei- bis Dreifache der Normgrenze erhöht — ein Zeichen für hepatotoxische Belastung;
  • Prolaktin deutlich erhöht: PRL > 100 mIU/L oder > 35 ng/mL — Hinweis auf ein Hypophysen-Prolaktinom;
  • Stimmungstief oder Libidoverlust: anhaltende depressive Verstimmung oder vollständiger Libidoverlust (typisch unter höheren CPA-Dosen);
  • Langzeiteinnahme > 5 Jahre bei kumulativ hoher Dosis — die EMA hat 2020 die CPA-Dosierung auf ≤ 10 mg/Tag eingeschränkt, weil Dosen ≥ 25 mg das Meningeomrisiko signifikant erhöhen [3] ;
  • Versorgungsengpass oder Kostendruck (gelegentliche Lieferengpässe in DACH-Apotheken).

Spironolacton — in DACH selten, aber nicht ausgeschlossen

Abschnitt betitelt „Spironolacton — in DACH selten, aber nicht ausgeschlossen“

In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird Spironolacton für die geschlechtsangleichende Hormontherapie (GAHT) so gut wie nie verordnet — es ist hier primär als Herzmedikament (Aldactone) zugelassen. Solltest du es dennoch einnehmen (etwa nach einem Therapiebeginn im Ausland), gelten folgende Warnsignale:

  • Hyperkaliämie: K⁺ > 5,5 mmol/L — die kaliumsparende Wirkung kann lebensgefährlich werden;
  • Hypotonie: systolischer Blutdruck < 90 mmHg mit Schwindel, Schwäche oder Kollapsneigung;
  • Polyurie oder Nykturie, die den Schlaf massiv stören;
  • Unzureichende T-Suppression: nach ≥ 6 Monaten bei 150-200 mg/Tag bleibt T stabil > 100 ng/dL;
  • Kreatinin steigt oder eGFR sinkt.
  • Transaminasen erhöht: ALT > 2× Normgrenze — die FDA hat eine Lebertoxizitätswarnung ausgesprochen; etwa 1 % der Anwender:innen müssen deshalb absetzen [4] ;
  • Atembeschwerden: unerklärte Dyspnoe, chronischer Reizhusten — seltenes Signal für Lungentoxizität oder interstitielle Pneumonitis [5] ;
  • T steigt paradox an (Bicalutamid blockiert den Androgenrezeptor, senkt aber das T nicht — langfristig kann freies T zum Problem werden).
  • Kosten: ohne Kassenübernahme liegt der Eigenanteil pro Depot-Spritze bei 200-600 €;
  • Knochendichteverlust: bei > 2 Jahren Dauertherapie ohne ausreichende Estradiol-Substitution zeigt die DEXA einen Rückgang;
  • Reaktionen an der Injektionsstelle, die nicht tolerierbar sind.

CPA hat eine biologische Halbwertszeit von rund 40 Stunden — bei niedrigen Dosen (≤ 12,5 mg/Tag) ist meist keine formelle Auswaschphase nötig. Hast du allerdings über Monate hinweg ≥ 10 mg/Tag eingenommen, kann ein abruptes Absetzen durch die plötzliche Enthemmung der Gonadenachse zu Stimmungsschwankungen oder einem kurzen Libido-Rebound führen. In diesem Fall empfiehlt sich ein Ausschleichen über 1-2 Wochen (z. B. von 12,5 mg auf 6,25 mg, dann Absetzen).

Von Androcur (CPA) wechseln — Übergangsschemata
ZielmedikamentCPA absetzenStartdosisErste Laborkontrolle
→ GnRH-Agonist (Enantone etc.) Sofort absetzen, am selben Tag erste Depot-Spritze Gemäß Fachinformation (z. B. Leuprorelin 3,75 mg monatlich) 2-3 Monate: T, E2, Knochenmarker
→ Spironolacton Sofort absetzen 50 mg/Tag in 2 Einzeldosen, nach 2 Wochen auf 100 mg/Tag steigern 2-4 Wochen: T, K⁺, Kreatinin
→ Nur E2-Injektion (Monotherapie) Sofort absetzen, E2 auf 3-5 mg/Woche hochfahren Abhängig vom bestehenden E2-Schema 4-6 Wochen: T-Talspiegel

CPA und Bicalutamid dürfen niemals gleichzeitig eingenommen werden. Wenn du zu Bicalutamid wechseln musst, siehe weiter unten den Abschnitt „Von Bicalutamid auf ein anderes Antiandrogen”.


Da Spironolacton in der DACH-GAHT-Praxis eine Ausnahme ist, betrifft dieser Abschnitt vor allem Personen, die ihre Therapie im Ausland (typischerweise in den USA) begonnen haben und nun in Deutschland weiterbehandelt werden. Nach dem Absetzen normalisiert sich der Kaliumspiegel in der Regel innerhalb von 1-2 Wochen. Bei leicht erhöhtem K⁺ (5,0-5,4 mmol/L) vor dem Absetzen genügt eine Routinekontrolle nach 2-4 Wochen.

Von Spironolacton wechseln — Übergangsschemata
ZielmedikamentSpiro absetzenStartdosisErste Laborkontrolle
→ Androcur (CPA) Spiro 3-5 Tage vorher absetzen, dann CPA starten 6,25 mg/Tag, bei Bedarf auf max. 12,5 mg/Tag steigern 4-6 Wochen: T, ALT, Prolaktin
→ GnRH-Agonist Spiro 1-2 Tage vorher absetzen, dann erste Depot-Spritze Gemäß Fachinformation 2-3 Monate: T, E2, Knochenmarker
→ Nur E2-Injektion (Monotherapie) Sofort absetzen, E2 auf 4-5 mg/Woche hochfahren Abhängig vom bestehenden E2-Schema 4-6 Wochen: T-Talspiegel

Von einem GnRH-Agonisten auf ein anderes Antiandrogen

Abschnitt betitelt „Von einem GnRH-Agonisten auf ein anderes Antiandrogen“

Depot-Präparate wie Enantone oder Zoladex setzen ihren Wirkstoff über Wochen hinweg langsam frei. Nach der letzten Injektion bleibt die T-Suppression daher noch längere Zeit bestehen:

  • Monatspräparat: Restwirkung ca. 4-6 Wochen
  • 3-Monatspräparat: Restwirkung ca. 3-4 Monate
  • 6-Monatspräparat: Restwirkung ca. 6-8 Monate
Von einem GnRH-Agonisten wechseln — Übergangsschemata
ZielmedikamentGnRH absetzenStartdosisErste Laborkontrolle
→ Androcur (CPA) Nicht nachspritzen; 4-8 Wochen nach letzter Injektion CPA starten 6,25 mg/Tag 6-8 Wochen: T, ALT, Prolaktin
→ Spironolacton Nicht nachspritzen; 4-8 Wochen nach letzter Injektion Spiro starten 50 → 100 mg/Tag 6-8 Wochen: T, K⁺
→ Nur E2-Injektion (Monotherapie) Nicht nachspritzen; E2 auf 4-5 mg/Woche erhöhen Abhängig vom bestehenden E2-Schema 6-8 Wochen: T-Talspiegel

Während der Übergangsphase kann dein T zunächst niedrig bleiben und dann langsam ansteigen. Deshalb gilt: Die erste Laborkontrolle des neuen Medikaments frühestens 6-8 Wochen nach der letzten GnRH-Injektion. Frühere Blutabnahmen können durch die noch anhaltende GnRH-Wirkung ein falsches Bild der tatsächlichen Hormonspiegel zeigen.


Bicalutamid hat eine lange Halbwertszeit von etwa 6 Tagen. Nach dem Absetzen dauert es 2-3 Wochen, bis der Wirkstoff vollständig aus dem Körper ausgewaschen ist.

Von Bicalutamid wechseln — Übergangsschemata
ZielmedikamentBicalutamid absetzenStartdosisErste Laborkontrolle
→ Androcur (CPA) Bicalutamid 2 Wochen vorher absetzen (Lebertoxizitäts-Overlap vermeiden) 6,25 mg/Tag 4-6 Wochen: T, ALT, Prolaktin
→ Spironolacton Bicalutamid 3-5 Tage vorher absetzen 50 → 100 mg/Tag 2-4 Wochen: T, K⁺
→ GnRH-Agonist Bicalutamid 1 Woche vorher absetzen Gemäß Fachinformation 2-3 Monate: T, Knochenmarker

Warum ein Wechsel „→ Bicalutamid” nicht empfohlen wird

Abschnitt betitelt „Warum ein Wechsel „→ Bicalutamid” nicht empfohlen wird“

Bicalutamid hat in der GAHT-Anwendung bei trans Frauen nur eine sehr begrenzte Datenlage. Angesichts der FDA-Lebertoxizitätswarnung und der in Pharmakovigilanzdatenbanken dokumentierten Lungentoxizitätssignale wird Bicalutamid weder von der Endocrine Society (2017) noch von WPATH SOC 8 als Standardempfehlung geführt [1] [2] . In der DACH-Region kommt es in der GAHT praktisch nicht zum Einsatz. Ein Wechsel auf Bicalutamid kommt nur dann in Betracht, wenn CPA, Spironolacton und GnRH-Agonisten allesamt kontraindiziert oder nicht tolerierbar sind — und ausschließlich unter engmaschiger endokrinologischer Begleitung mit regelmäßiger Leberwert- und Lungenfunktionskontrolle.


Nach dem Start eines neuen Antiandrogens brauchen T und E2 einige Wochen, um sich auf ein neues Gleichgewicht einzupendeln. Die erste Laborkontrolle sollte frühestens nach 4 Wochen stattfinden. In den ersten Monaten empfiehlt sich ein Kontrollintervall von 8-12 Wochen. Sobald zwei aufeinanderfolgende Messungen stabil im weiblichen Normbereich liegen, kannst du auf das Routineintervall von 3-6 Monaten zurückkehren. Details findest du in unserem Blutuntersuchungs-Leitfaden.

Gesamt-Testosteron (T), Estradiol (E2), Leberwerte (ALT/AST) und Blutdruck (Selbstmessung zu Hause reicht). In den ersten 6 Monaten einer Estradiol-Therapie zusätzlich ein großes Blutbild und Basiselektrolyte.

  • Nach Wechsel auf Androcur (CPA): Prolaktin (PRL) + vollständiger Leberstatus;
  • Nach Wechsel auf Spironolacton: Elektrolyte (K⁺, Na⁺), Kreatinin und Blutdruckmonitoring;
  • Nach Wechsel auf Bicalutamid: in den ersten 3 Monaten monatliche ALT/AST-Kontrolle; außerdem aktiv auf unerklärten Husten oder Atemnot achten;
  • Nach Wechsel auf GnRH-Agonisten: E2-Spiegel prüfen (Ziel: E2 ≥ 100 pg/mL zum Schutz der Knochendichte); nach 2 Jahren Dauertherapie eine DEXA-Knochendichtemessung veranlassen.

Typische Begleiterscheinungen während des Wechsels

Abschnitt betitelt „Typische Begleiterscheinungen während des Wechsels“

Vorübergehende Übergangsreaktionen (normal — beobachten und dokumentieren)

Abschnitt betitelt „Vorübergehende Übergangsreaktionen (normal — beobachten und dokumentieren)“
  • Kurzzeitige Stimmungsschwankungen: In den 1-2 Wochen nach dem Wechsel können hormonelle Schwankungen zu erhöhter Empfindlichkeit oder leichter Reizbarkeit führen — das ist ein erwartbarer Übergangseffekt;
  • Kurzfristiger Libido-Rebound: Besonders nach Absetzen von CPA kann die Libido vorübergehend zurückkehren und sich nach Stabilisierung des neuen Schemas wieder einpendeln;
  • Veränderungen bei Hautfett und Körperbehaarung: Vorübergehende Schwankungen des freien Testosterons können sich kurzzeitig in der Talgproduktion oder dem Haarwachstum bemerkbar machen.
  • 4-6 Wochen nach dem Wechsel zeigt die Laborkontrolle ein T deutlich über deinem Ausgangswert (das neue Medikament greift möglicherweise nicht ausreichend);
  • Nach 3 Monaten stagnieren die körperlichen Veränderungen oder die Laborwerte bessern sich nicht;
  • Neue, anhaltende Symptome, die sich nicht von selbst zurückbilden (hartnäckiger Hautausschlag, Herzklopfen, Engegefühl in der Brust, Atemnot).

  • Klinische Daten zusammenstellen, die den Wechsel begründen: z. B. „ALT 85 U/L bei Normgrenze 40 U/L” oder „Prolaktin > 35 ng/mL unter CPA”;
  • Wunschziel formulieren: z. B. „Wechsel von CPA 12,5 mg/Tag auf Enantone 3,75 mg Monatsdepot — ist das bei meiner Kasse erstattungsfähig?”;
  • Absetz- und Startzeitplan kennen (du findest die Übergangsschemata oben in den jeweiligen Tabellen);
  • Kontrolltermine vereinbaren: 4 Wochen, 8 Wochen und 12 Wochen nach dem Wechsel;
  • Notfallsignale kennen: mach dich mit der Liste der sofortigen Abbruchkriterien vertraut (siehe oben);
  • Leitlinien als Backup mitnehmen: Falls deine Ärzt:in wenig Erfahrung mit geschlechtsangleichender Hormontherapie hat, können diese Quellen als Entscheidungsgrundlage dienen:


Quellenverzeichnis

  1. Coleman E et al. Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8. Int J Transgend Health 2022;23(S1):S1-S259. DOI:10.1080/26895269.2022.2100644
  2. Hembree WC et al. Endocrine Treatment of Gender-Dysphoric/Gender-Incongruent Persons. J Clin Endocrinol Metab 2017;102(11):3869-3903. DOI:10.1210/jc.2017-01658
  3. EMA. Cyproterone-containing medicinal products: new measures to minimise risk of meningioma. 2020.
  4. Neyman A et al. Bicalutamide as an Androgen Blocker in Transfeminine Adolescents. J Adolesc Health 2019;64(4):544-546.
  5. Fuqua SAW et al. Bicalutamide-Associated Pulmonary Adverse Events. 2024.